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Anja Neumann- Lichtenberg
Eine Textilreise nach Kirgisien

Im Mai 2007 macht sich eine Gruppe von 8 filzbegeisterten Frauen und Männern auf den Weg nach Kirgisien, um dort von und mit István Vidák, einem Filzkünstler aus Ungarn, mehr über Land und Leute und besonders über die dortige Filztradition zu erfahren.
Istanbul ist Treffpunkt, von dort werden wir gemeinsam weiterfliegen nach Bishkek, der Hauptstadt Kirgisiens. Mitten in der Nacht kommen wir dort an. Asel, Filzerin wie wir und unsere Gastgeberin in Bishkek, holt uns persönlich vom Flughafen ab. Die Gastfreundschaft der Kirgisen lässt es nicht zu, dass wir ohne Bewirtung ins Bett sinken- so sitzen wir um 3 Uhr morgens todmüde aber glücklich in der Küche, trinken Tee, essen eine Kleinigkeit und machen uns erstmal ausführlicher miteinander bekannt. Irgendwann fallen wir dann schließlich doch auf unsere Schlafmatten- in Kirgisien schläft man traditionell am Boden. Nur an langes Ausschlafen ist nicht zu denken- viel haben wir uns vorgenommen für den 1.Tag: die Werkstatt von Asel besuchen und die Organisation Cacsa- eine zentralasiatische Kunsthandwerkerorganisation, die von KünstlerInnen aus mehreren Ländern selbst getragen wird, eigene Läden unterhält und so die Vermarktung der Produkte verbessert. Nach diesen Besichtigungen und einem Besuch im Museum für Nationalgeschichte sind wir randvoll mit Eindrücken und kehren ziemlich erschöpft zurück in die Obhut von Asel, die uns augenblicklich mit Tee wiederbelebt und dann mit uns in ein nahegelegenes Restaurant zum Essen geht. Frisch bei Kräften beschließen wir, noch am frühen Abend aufzubrechen nach Kotschkor, einer kleineren Gebirgsstadt etwa 300 km von Bishkek entfernt. Wir sind ja nur eine Woche in Kirgisien und wollen auf keinen Fall den nächsten Vormittag für eine lange Autofahrt opfern. Spät abends kommen wir dort an und beziehen Quartier im Haus des Polizeichefs. Trotz der späten Stunde richtet seine Frau Sulya noch ein leckeres Abendessen her und plötzlich steht auch Assiba in der Tür- sie ist Filzerin, Lehrerin und Leiterin einer privaten Schule und organisiert darüberhinaus für Touristen sowohl Unterkünfte als auch ein Reiseprogramm, sofern gewünscht. Sie begleitet uns in den nächsten Tagen und unterbreitet uns für den morgigen Tag verschiedene Vorschläge. Wir haben die Qual der Wahl. Ganz begeistert erfahren wir, dass am nächsten morgen Viehmarkt ist und schon steht der erste Programmpunkt fest. Ich, die noch nie im Leben auf einem Viehmarkt war, bin hin und weg. Es wird alles feilgeboten, was der Mensch so zum Leben braucht. Pferde, Kühe, Ziegen und Schafe wechseln den Besitzer. Vom eingenommen Geld werden Mehl, Reis, Gewürze, Obst und Gemüse gekauft, Kleidung, Kochgeschirre, auch Autoersatzteile. Der Bazar ist noch immer der Handelsplatz Nummer eins. Wir staunen und werden bestaunt, sind wir doch sogleich als Ausländer zu erkennen. Man amüsiert sich zuweilen köstlich über uns, bietet uns dennoch ( oder gerade deshalb) Pferde und Schafe zum Kauf an und versteht gar nicht, dass wir kein (Kauf-) Interesse haben. Warum sonst sind wir hier?
Es ist wunderbar und doch müssen wir weiter, denn Assiba hat ein Fahrzeug samt Fahrer organisiert, der uns zum Heiligen Berg bringen will. Dieser befindet sich in einer weiten Ebene, ringsum flankiert von schneebedeckten Bergen, etwa 30 km entfernt von Kotschkor. Die Kirgisen verehren nichts so sehr wie die Berge, ihre Ahnen und ihre eigene Geschichte. Es gibt viele solcher heiligen Orte, die man aufsucht, um ein Gebet zu sprechen, mit den Ahnen in Kontakt zu treten, um Kraft zu bitten. Wir halten uns recht lang dort auf, vielleicht weil wir tatsächlich etwas Magisches spüren, vielleicht auch nur, um diese friedliche Stille zu genießen. Aus Geröllsteinen legen wir eine Gebetsnische an für alle Filzer dieser Welt und bitten darum, dass diese Textiltechnik auch in Zukunft weitergetragen wird von Generation zu Generation und niemals verloren geht. Es ist ein schöner Moment.
Zurück in Kotschkor, widmen wir uns dem großen Thema "Teppiche aus Filz"- in diesem Land aus dem Alltag nicht wegzudenken. Wir sind bei Roza angemeldet, einer Filzkünstlerin, die hauptsächlich Teppiche herstellt. Sie erwartet uns zum Mittagessen und erst nachdem wir (wiedermal) viel zu viel gegessen haben, dürfen wir im Nebenraum die ganze Pracht, den Familienschatz sozusagen, bestaunen und befühlen: Teppiche überall - an den Wänden, auf dem Boden und an der Stirnseite des Raumes, über den Hochzeitstruhen, beinahe bis zur Decke aufgestapelt. Ansonsten lenkt nichts den Blick ab, keine Schränke, kein Tisch oder Sonstiges. Die ganze Aufmerksamkeit gilt den Teppichen. Einer nach dem anderen wird nun ausgebreitet und wir kommen aus dem Oh! und Ah! gar nicht mehr raus. Anschließend haben wir Gelegenheit, stolze Besitzer von Alakiis und Shyrdaks (mehr Infos) zu werden und geben noch weitere 3 Alakiis in Auftrag, die wir auf dem Rückweg von der Sommerweide abholen werden. Glücklich schleppen wir die Eroberungen zur Unterkunft und lassen den Tag ausklingen. Dem folgenden Morgen fiebern wir wahrlich entgegen, denn endlich werden wir zur Sommerweide- "Dschailoo" - reiten, um dort die nächsten Tage zu verbringen und so richtig ins Nomadenleben einzutauchen. Die Kirgisen sind ein Reitervolk. Reiternomaden. Seit Jahrhunderten ziehen sie mit ihren Viehherden durch die Bergwelt des Tien Shan, immer dorthin, wo es saftig grün ist. Im Winter leben sie im Tal, im Frühling ziehen sie hinauf in die Berge und verbringen den ganzen Sommer dort oben mit ihren Pferden, Schafen, Ziegen, Eseln und Kühen. Die Berge sind in Kirgisien allgegenwärtig, egal wo man ist, hat man ringsherum ein Hochgebirgspanorama mit schneebedeckten Gipfeln. Assiba holt uns nach dem Frühstück ab und los geht es. Wir passieren einige Dörfer und biegen am Ende in einen Seitenweg ein, der so holprig ist, dass wir damit rechnen, umzukippen. Aber die Fahrer haben die Sache im Griff und so erreichen wir nach einer Stunde das Gehöft von Imadin, der schon die Pferde für uns bereithält. Zunächst bittet er uns ins Haus und seine Frau - wir ahnen es - erwartet uns mit einem reich gedeckten Tisch. Das Haus besteht aus nur einem Raum, vielleicht 15 m² groß. Hier isst und schläft die Familie, das Leben spielt sich überwiegend im Freien ab. Draußen werden einige Pferde mit unserem Gepäck beladen und wir können den Aufbruch kaum erwarten, obwohl wir etwas unsicher sind, wie es uns auf den Pferden gehen wird. Richtig reiten kann keiner von uns, einige haben noch nie auf einem Pferd gesessen. Aber die Sorge ist unbegründet, die kirgisischen Pferde sind nicht allzu groß und von ausgesprochen friedlicher Natur. Sie laufen den lieben langen Tag frei in den Bergen herum und kennen jeden Stein. Die Schwierigkeit für uns besteht nur darin, loslassen zu können und dem Pferd soweit zu vertrauen. Nach einem zweistündigen Ritt durch vermeintlich menschenleeres Gebiet (Tiere sehen wir reichlich) kommen wir bei "unseren" Jurten an. In Windeseile kommen plötzlich von allen Seiten Leute, um uns zu begrüßen oder mit sicherem Abstand zu schauen. Unser Auge nimmt erst nach und nach wahr, dass nicht alle hellen Punkte in der Ferne Steine sind, sondern durchaus eine stattliche Anzahl von Jurten über das ganze Tal verteilt ist. Es ist traumhaft! Wir sind auf knapp 3000m Höhe, die Sonne scheint, der Ausblick ins Tal ist grandios, der Bach stürzt mit lautem Getöse gleich neben uns zu Tal. Augenblicklich ist klar, dass uns die Abreise schwerfallen wird.
Wir besuchen in den nächsten Tagen fast alle Nachbarfamilien, lernen viel über Milch- und Wollverarbeitung, dürfen eine Jurte mit aufbauen, einen Alakiis filzen und sogar einen kleinen Shyrdak selbst herstellen. Dabei lernen wir viel über Symbole und Muster, die bei jeder Familie verschieden sind und durch unterschiedliche Anordnung jeden Teppich zum Unikat werden lassen. Eine alte Frau zeigt uns, wie sie aus Pferdehaar Seile dreht- nur mit ihren Händen und etwas Spucke. So ist das hier. Und wir besuchen eine Familie, die draußen vor der Jurte einen bodennahen Flachwebstuhl mit aufgehängtem Litzenstab aufgebaut hat und dort die Bänder für die Verzierung der Jurten webt. Ich bin fasziniert von diesem archaisch anmutendem Teil und muss gestehen, wohl so schnell nichts zuwege zu bringen, sollte man mich jetzt aufforden, Platz zu nehmen und mal eben ein Stück zu weben. Es regnet fast nie, so kann man getrost unter dem weiten Himmelszelt arbeiten. Wer von uns hat eine so schöne Werkstatt? Sollte ich jemals wieder hierher kommen, werde ich mir viel Zeit nehmen, um genauer zu beobachten, zu begreifen und wer weiß - vielleicht darf ich dann auch mal ein Stück weben?
Leider sind zwei Tage sehr kurz und wir müssen Abschied nehmen. So beginnt der Tag etwas wehmütig, ein mehrstündiges Folkloreprogramm am Vormittag bringt Ablenkung und lässt uns noch einmal mehr eintauchen in die Traditionen der Menschen, mit denen wir hier zusammen sein durften. Wir sitzen inmitten der Familien und schauen gebannt dem Spektakel des “Bockabjagens” zu- einem sehr archaischen Reiterspiel, das bei vielen Turkvölkern bekannt und beliebt ist. Und sogar einen Kinderchor hat man extra hier hinauf geholt, um uns kirgisische Lieder und Verse vorzutragen. Höhepunkt ist dabei ein Stück des Manas- Epos, ein Epos, das die Geschichte der Kirgisen zum Inhalt hat, seit Jahrhunderten nur mündlich überliefert wird und mit etwa einer halben Million Versen als das längste Epos der Welt gilt. Jedes Kind lernt in der Schule einige Verse und kann sie jederzeit in einer Art Sprechgesang vortragen. Wir verstehen kein Wort und sind dennoch tief beeindruckt.
Zum endgültigen Abschied haben wir uns einen langen Ritt über die Berge gewünscht und nun ist es soweit. Unser Gepäckt reist per Auto ins Tal und wir beginnen mit Imadin den langen Aufstieg bis knapp unter die Schneegrenze. Auch die Pferde haben ihre Mühe mit der dünnen Luft. Der Ausblick ist unbeschreiblich und würde uns nicht der eisige Wind erbarmungslos um die Ohren wehen, wir würden stundenlang verweilen. Mitunter ist der Abhang so steil, dass Pferd und Reiter in Schwierigkeiten geraten und von Imadin gerettet werden müssen. Trotzdem möchte am Ende keiner von uns dieses einmalige Erlebnis missen.
Eine wunderbare Reise geht zu Ende und wir spüren, dass es weit mehr war, als eine Bildungsreise in Sachen Filz.


Anja Neumann- Lichtenberg